Nitzschka: Mulde findet im alten Deich die Schwachstelle
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Unterdorf noch am Sonntagabend evakuiert, 15 Familien
betroffen
Wurzen/Nitzschka/Oelschütz. Das Nitzschkaer Unterdorf ist
seit Sonntagabend evakuiert, 15 Familien sind betroffen. Laut Wehrleiter
David Pöge eine richtige Entscheidung. Denn gestern Morgen ging die
Mulde auf 300 Meter über die alte Deichkrone und begann, die Aue zu
füllen, 6.30 Uhr dann brach der alte Deich auf circa 30 Meter Länge.
Dass der neue Deich hält - er hatte gestern Mittag noch 30, 40 Zentimeter
Luft -, ist nur ein schwacher Trost, denn durch die Schwachstelle zwischen
Nitzschka und Oelschütz hat die Mulde doch ihren Weg ins Dorf gefunden,
auch wenn sie nicht so hoch steht wie 2002. Außerdem sollte gestern
Nachmittag noch der Goldene Ärmel in Obernitzschka, wo die Launzige
Probleme bereitet, geräumt werden.
Schon am Sonntagvormittag war David Pöge im Unterdorf mit seinen
Leuten von Haus zu Haus gegangen, hatte aufgefordert, die Koffer zu packen
und sich auf eine Evakuierung einzurichten. Sandsäcke wurden gefüllt
und Schwachstellen zu den Grundstücken verbarrikadiert. "Die Zusammenarbeit
von Bürgern und Feuerwehr hat spitzenmäßig funktioniert",
lobt er. "Alle sind noch von 2002 sensibilisiert."
Schwerpunkt war allerdings die Deichsicherung. Am Sonntag war noch
erwogen worden, den aufgeschütteten Deich in Höhe der Sonnenmühle
bei Oelschütz zu erhöhen. "Aber als am Deichfuß trübes
Wasser durchsickerte, ein Zeichen, dass der Deich instabil wird und Lebensgefahr
besteht, wurde das Vorhaben abgebrochen", berichtet der Wehrleiter. Auch
an der Nahtstelle von altem und neuem Damm in Nitzschka habe man schon
Leute und Sand vor Ort für eine Auflastung zusammengezogen gehabt,
als gegen 21 Uhr die Meldung "von ganz oben" kam, die Deichsicherung aufzugeben.
"Im Laufe des Tages haben wir dann die Kräfte in der Muldenstraße
gebündelt, damit das Wasser nicht weiter nach Nitzschka reinläuft."
Drei Grundstücke habe man trotzdem opfern müssen.
Zuerst war es bei Siri Zimmermann reingelaufen. "2002 war ich schon
einmal betroffen", erzählt sie, bewohne seitdem nur die obere Etage
ihres Hauses. Am Sonntagabend musste sie erneut vorm Wasser flüchten,
fand Zuflucht bei ihren weiter oben im Ort wohnenden Kindern. Nur einen
Teil der Möbel habe sie auf Böcke stellen können. "Ich habe
nicht gedacht, dass es so schnell kommt", sagt sie.
"Wir holen uns jetzt unseren Teil Schock ab", sagt Henry Kayser. Mit
seiner Frau Ines, Tochter Chantall und Vater Horst ist der Nitzschkaer
gestern Mittag auf dem Weg zu seinem Haus am Schwarzen Weg, das er am Abend
zuvor verlassen musste. Es steht unmittelbar an der Stelle, wo der neu
gebaute Deich an den niedrigeren alten anschließt. Weiter als bis
an den Zaun kommen sie nicht. Wasser überall. Im Haus steht die Brühe
bis zur Mitte der Fenster, geschätzte 1,20 Meter hoch. "Wir sind stinksauer",
bricht es aus Horst Kayser heraus. "Wäre damals ein Flügeldeich
um Nitzschka gezogen worden, sähe es jetzt hier nicht so aus." Erst
als der neue Damm als Antwort auf die Flut 2002 schon in Bau war, habe
man erfahren, dass die Pläne, die zuvor in Informationsveranstaltungen
den Beifall der Dorfbewohner gefunden hatten, geändert wurden. "Wir
haben ans Regierungspräsidium geschrieben und zur Antwort bekommen,
andere Stellen hätten mehr Priorität", erinnert sich Horst Kayser.
"Im Prinzip wurde unsere Existenz zweimal vernichtet", sagt Henry Kayser.
Schon 2002 stand die Mulde 1,90 m hoch im Haus, ruinierte nicht nur die
Wohnung, sondern spülte auch Kaysers im Aufbau begriffene kleine Metallbaufirma
weg. "Die Versicherung hat zwar etwas bezahlt, aber es hat den Verlust
nicht gedeckt." Auch diesmal haben sie kaum etwas retten können. "Die
Treppen in dem kleinen Haus sind schmal, die Möbel konnten wir deshalb
nicht nach oben bringen", erklären sie. Im Moment ist die kleine Familie
in Leipzig untergekommen. Ob sie die Kraft finden und noch einmal einen
Neustart in Nitzschka wagen? Henry Kayser schaut auf das halb versunkene
Haus. "Vielleicht, wenn ein Deich gebaut wird....." Ines Alekowa

Schwarzer Weg: Vom Häuschen der Familie Kayser ist nur noch wenig mehr als das Dach zu sehen. Unmittelbar hinterm Grundstück treffen der neue und der niedrigere alte Deich aufeinander.Fotos (2) Ines Alekowa

Muldenstraße: Sandsäcke sollen die Mulde, die von links durch
die Aue kommt, auf ihrem Weg ins Dorf stoppen.
LVZ Muldental 4. Juni 2013